GSB 7.0 Standardlösung

Taxonomie von Fehlhandlungen bei der Fahrzeugführung

Unfälle im Straßenverkehr geschehen, wenn sich das normale Fahrverhalten in einer bestimmten Situation als nicht angepasst erweist. Das Wissen um Fehlerursachen bietet die Möglichkeit, unerwünschte Folgen zu mindern. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) ließ eine Taxonomie von Fehlhandlungen bei der Fahrzeugführung entwickeln, mittels derer ein Unterstützungsbedarf durch Fahrerassistenzsysteme ermittelt werden kann.

Das Bild zeigt die Grundstruktur der Taxonomie Grundstruktur der Taxonomie (Bild: HFC Human-Factors-Consult GmbH)

Aufgabenstellung

Verkehrsunfälle werden in aller Regel nicht mutwillig herbeigeführt. Sie sind die Konsequenzen normalen Fahrverhaltens, das an bestimmte Situationen nicht angepasst war. Bei der Erarbeitung einer Taxonomie, also einer Systematik, von menschlichen Fehlhandlungen beim Fahren eines Fahrzeuges ist somit nicht allein von den Unfällen auszugehen. In die Fehlerbetrachtung müssen auch das normale Fahrverhalten und seine Auswirkungen einbezogen werden. Ableiten lassen sich daraus geeignete Maßnahmen, um die unerwünschten Folgen von Fehlern einzudämmen. Dazu gehört das Herleiten des erforderlichen Unterstützungsbedarfs durch Fahrerassistenzsysteme, Infrastrukturmaßnahmen oder verhaltensbezogene Maßnahmen, wie Fahrerschulungen.

Untersuchungsmethode

Als Grundlage der Untersuchung diente eine Literaturanalyse zu Fehlerklassifikationssystemen, Fehlermodellen, Resilienzansätzen, der Fahraufgabe sowie Einflussfaktoren bei der Fahrzeugführung. Darüber hinaus erfolgte eine Recherche zu Ergebnissen aus Naturalistic Driving Studies (NDS) und Field Operational Tests (FOT). Analysiert wurden zudem 40 Videosequenzen aus zwei FOT-Studien. Auf Basis der Literatur und der Videoanalysen wurden Fehlervorläuferbedingungen abgeleitet. Eine Strukturierung der Bedingungen erfolgte in begleitenden Workshops. Die Entwicklung der Fehlertaxonomie fand in sieben Iterationsschritten statt, ihre Anwendbarkeit bei Videoanalysen wurde einer Prüfung unterzogen. Als letzter Schritt erfolgte eine Validierung ausgewählter Projektergebnisse im Rahmen einer Simulatorstudie mit 26 Versuchsteilnehmern.

Ergebnisse

Die Bestimmung der Ereignisklassifikation erfolgte unter Berücksichtigung auslösender und begünstigender Bedingungen. Die Taxonomie dient allein der Klassifikation von beobachtetem Fahrverhalten. Sie beinhaltet regel-, wissens- und fertigkeitsbasierte Fehlertypen sowie Entscheidungsknoten. Die Übersicht von Vorläuferbedingungen zur Ermittlung der Fehlerursachen für Beinaheunfälle und Unfälle umfasst die Basiskategorien Fahrzeug, Fahrer und Umwelt. Für jede der Kategorien erfolgte eine Differenzierung der Arten von Vorläuferbedingungen. Auf Fahrzeugseite betrifft dies die Funktionstüchtigkeit und Vertrautheit. Letztere interagiert mit der Fahrerseite, für welche die Vorläuferarten Ressourcen, körperliche Fähigkeiten und Verfassung sowie Personenvariablen identifiziert und feiner untergliedert wurden. Die Umweltseite gliedert sich in die Vorläuferarten Infrastruktur, Witterung und Verkehr. Seitens der Infrastruktur findet wiederum eine Interaktion mit der Persönlichkeit statt.

In einer Simulatorstudie wurde der Einfluss des positiven wie negativen affektiven Zustandes und der Verkehrsdichte/-komplexität auf das Fahrverhalten geprüft. Während die positiv gestimmte Gruppe tendenziell zu ausgeglichenerem und sorgloserem Fahrverhalten neigte, waren für die negativ gestimmte Gruppe größere Verhaltensunterschiede in Abhängigkeit von der Verkehrsdichte und -komplexität zu verzeichnen. Dennoch begingen die negativ gestimmten Teilnehmer im komplexen Verkehr weniger Regelverstöße als die positiv gestimmten. Insgesamt zeigte sich ein bedeutsamer Einfluss des affektiven Zustandes als Fehlervorläuferbedingung auf das Fahrverhalten.

Folgerungen

Die erarbeitete Taxonomie bietet eine breite Anwendbarkeit für die Klassifikation von Fahrfehlern und fehlerfreiem Verhalten in kritischen Situationen bis hin zu Unfällen. Einsatzfelder sind vor allem Video- und Unfallanalysen, darüber hinaus kann sie als Basis zur Erstellung von Interviewleitfäden für die Unfallaufnahme dienen. Die konkrete Zuordnung von Fehlertypen zu Fahrerverhalten und -daten erlaubt die Bestimmung des Bedarfs an Fahrerassistenz sowie infrastrukturellen und fahrerfertigkeitsbezogenen Maßnahmen.

Forschung kompakt als Download: 21/2014 (PDF, 372KB)

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