Fotomontage aus Bildern der Arbeitsbereiche der Bundesanstalt für Straßenwesen



Cannabis und Verkehrssicherheit

Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland. Einen deutlichen Anstieg weist die polizeiliche Erkennung von Verkehrsteilnehmern in den letzten Jahren auf, die unter dem Einfluss von Drogen fahren. Das Wirkspektrum von Cannabis auf verkehrssicherheitsrelevante Funktionen sowie der Zusammenhang von Cannabinoidkonzentrationen im Blut und Auffälligkeiten im Straßenverkehr waren Gegenstand einer Untersuchung.

Problem

Das Konsummuster von Cannabis spielt eine große Rolle bei der Fahreignungsbeurteilung. So wird bei regelmäßigem Konsum die Fahreignung ausgeschlossen, während bei gelegentlichem Cannabiskonsum unter bestimmten Voraussetzungen, wie der Trennung von Konsum und Fahren, die Fahreignung gegeben ist. Bislang bestehen jedoch keine einheitlichen Kriterien, die eine Differenzierung zwischen regelmäßigem und gelegentlichem Cannabiskonsum erlauben, und keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die den Einfluss des Konsummusters auf verkehrssicherheitsrelevantes Verhalten aufklären. Ziel der Untersuchung war es daher, den Einfluss des Konsummusters auf verkehrssicheres Verhalten zu evaluieren sowie die in der Praxis erfolgende Sanktionierung bei "Cannabisfahrten" in Bezug auf die Cannabinoidkonzentration im Blut des Fahrers zu ermitteln.

Untersuchungsmethode

In einem ersten Untersuchungsschritt erfolgte eine detaillierte Analyse der vorhandenen Forschungsliteratur zu den perzeptiven, kognitiven und emotionalen sowie psychiatrischen Effekten des Cannabiskonsums. Im zweiten Teil der Studie wurden 1.440 aus Stichprobenkontrollen oder durch Auffälligkeiten im Straßenverkehr cannabinoid-positiv ermittelte Fälle aus den Jahren 2000 bis 2002 unter Berücksichtigung der gemessenen Cannabinoid-Serumkonzentrationen betrachtet. Dabei wurde geprüft, ob ein Zusammenhang zwischen den analytisch ermittelten Konzentrationen an Cannabinoiden und den Auffälligkeiten, die im ärztlichen Blutentnahmeprotokoll und im polizeilichen Bericht vermerkt wurden, sowie deren rechtswirksamer Einstufung bestehen.

Ergebnisse und Folgerungen

Die Ergebnisse der Literaturanalyse zeigen, dass die meisten konsistent nachgewiesenen Defizite bei Gelegenheitskonsumenten nach akutem Konsum gefunden wurden. Für abstinente oder sich in der Residualphase befindliche Gelegenheitskonsumenten konnten keine konsistenten Leistungsdefizite nachgewiesen werden. Auch wurden keine Hinweise dafür gefunden, dass bei regelmäßigen Cannabiskonsumenten nach akutem Cannabiskonsum oder während der Abstinenz mit stärkeren Leistungsdefiziten zu rechnen ist als bei Gelegenheitskonsumenten. Diese Befunde zeigen, dass eine Unterscheidung zwischen gelegentlichen und regelmäßigen Cannabiskonsumenten hinsichtlich der zu erwartenden verkehrs- oder fahreignungsrelevanten Leistungsdefizite nicht sinnvoll ist. Die Analyse der Cannabis-positiven Fälle aus der forensischen Toxikologie zeigt, dass ein Drittel der Betroffenen zusätzlich weitere psychoaktive Substanzen, in der Regel Alkohol, konsumiert hat und im Gegensatz zu den Cannabismonokonsumenten häufiger an Unfällen beteiligt war. Das Maximum der Altersverteilung des Auswertekollektivs liegt bei 21 Jahren.

Es ergab sich kein positiver Zusammenhang zwischen der Höhe der Blut-Cannabinoidkonzentration und den Verkehrsauffälligkeiten. Fahrer, die in einen Verkehrsunfall verwickelt waren, wiesen im Vergleich zu Fahrern, die nicht auffällig geworden waren, oftmals sogar eine geringere THC-Konzentration auf und wurden zudem von den aufnehmenden Polizeibeamten und den Blut entnehmenden Ärzten als weniger auffällig beschrieben. Dieser Effekt zeigte sich auch in Bezug auf die rechtliche Einordnung. So waren die Cannabinoidkonzentrationen bei Betroffenen, die den Tatbestand einer Ordnungswidrigkeit erfüllten, höher als bei den Straftatbeständen.

Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung lassen es daher zweifelhaft erscheinen, ob das vorliegende Instrumentarium zur Erkennung einer häufig nur diskret wahrnehmbaren Cannabisbeeinflussung im Straßenverkehr geeignet und ausreichend ist.

Die Probleme, die sich aus den Ergebnissen der Untersuchungen ergeben, betreffen in erster Linie die Beurteilung der Fahrtüchtigkeit, haben aber sowohl im Sinne verwaltungsrechtlicher Konsequenzen als auch bei der Begutachtung Auswirkungen auf die Frage der Fahreignung. Im Unterschied zu Alkoholkonsumenten, bei denen erst bei einem problematischen Verhaltensmuster die Anforderungen zum Führen von Fahrzeugen als nicht mehr erfüllt angesehen werden, wird beim Drogenkonsum jegliche Einnahme, mit Ausnahme des gelegentlichen Cannabiskonsums, als eignungsausschließend angesehen.

Das Konsummuster, welches sich auf theoretischer Grundlage aus den toxikologischen Befunden erschließt, rechtfertigt keinen Rückschluss auf den Grad der verkehrssicherheitsrelevanten Leistungen.

Bei der Frage der Fahreignungsbeurteilung muss die Trennung von Konsum und Fahren im Vordergrund stehen. Es ist nicht auszuschließen, dass regelmäßige Konsumenten Konsum und Fahren trennen können. Außerdem erscheint es diskussionswürdig, ob in den Fällen, in denen bei Ordnungswidrigkeiten relativ niedrige THC-Werte festgestellt werden und in denen die Blutentnahme zeitnah zur Fahrt erfolgte, grundsätzlich unterstellt werden kann, dass die Betreffenden Cannabiskonsum und Fahren nicht trennen können oder wollen.

Cannabis consumption and traffic safety

The purpose of the present study on road safety related consequences of cannabis consumption was the evaluation of data about potential and actual hazards in road traffic concerning driving abilities. The largest number of consistently impaired behavioural functions was found for the consumer setting of an “occasional user after acute consumption”. There is no consistent evidence for more severe impairments of behavioural functions in heavy cannabis users, neither acutely nor during abstinence. In the second part of the study data from persons which were tested cannabinoid-positive were evaluated with respect to their actual cannabinoid concentrations in plasma. The results suggest that neither the behavioural scoring by police nor by physicians are prone both, to reflect cannabis actions effectively or to differentiate between occasional and heavy cannabis consumption with an acceptable degree of certainty.

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Zusatzinformationen

BASt-Info 15/07
Bericht
Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Heft M 182, 2006
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