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Fehlerhafte Nutzung von Kinderschutzsystemen in Pkw

BASt-Bericht M 178

W. Fastenmeier, U. Lehnig, mensch-verkehr-umwelt — mvu, Institut für Angewandte Psychologie, München

109 Seiten
Erscheinungsjahr: 2006
Preis: 5,00 €

Bestellung eines gedruckten Exemplars beim Carl Schünemann Verlag GmbH

In den letzten Jahren wurden zweifellos weitreichende Verbesserungen auf dem Gebiet der Kindersicherheit im Pkw erzielt (z.B. leichtere Handhabung von Kinderschutzsystemen (KSS), höherer sicherheitstechnischer Standard von KSS, einheitliche europäische Regelungen wie ECE-R44 etc.). Die Einführung der gesetzlichen Sicherungspflicht im Jahre 1993 führte zudem zu einem erheblichen Anstieg der Gesamtsicherungsquote (d.h. Sicherung mit Kindersitz und /oder Gurt) von Kindern in Pkw. Alarmierend ist aber nach wie vor die bei etwa 60% liegende Quote fehlerhafter Kindersicherung („misuse"). Dieser „misuse” von Kinderschutzsystemen, worunter man im Allgemeinen falschen Gebrauch bzw. fehlerhafte Nutzung von KSS versteht, reduziert die (theoretische) Schutzwirkung von KSS zum Teil erheblich. Dies war der Anlass, im vorliegenden Projekt nicht nur alle Formen von Sicherungsfehlern zu sammeln und zu kategorisieren, sondern sie auch nach ihren möglichen Ursachen in Form einer Taxonomie zu ordnen.

Als Methode der Wahl für die empirischen Erhebungen kamen insbesondere Feldstudien in Betracht. Daher sind misuse-Beobachtungen im Feld mit ergänzenden Befragungen durchgeführt und dabei Kenntnisse, Einstellungen und Fertigkeiten der Betroffenen ermittelt worden.

Die misuse-Beobachtungen (n = 350 Kinder) belegen mit einer misuse-Quote von 64,7% erneut die bereits in früheren Studien festgestellte Größenordnung bei der Fehlbedienung von KSS. Von den misuse-verursachenden Fehlern entfallen 31,2% auf einen fehlerhaften Einbau und 68,8% auf eine fehlerhafte Sicherung. Fehlbedienungen von Kindersitzen variieren signifikant in Abhängigkeit von den Systemarten. Dabei erweisen sich insbesondere diejenigen KSS, bei denen Einbau und Sicherung zwei separate Vorgänge darstellen, als überproportional misuse-anfällig. Häufigste misuse-Formen sind lose Sitzbefestigungen, Gurtlose im Sitz, Gurte auf falsche Schulterhöhe gestellt sowie Gurtverlauf mit Halskontakt. Schließlich stellen sich ausländische Mitbürger als eine Teilgruppe heraus, der die korrekte Sicherung von Kindern in Kindersitzen besondere Probleme bereitet. In Befragungen von 161 Eltern, bei denen misuse festgestellt worden war, erwiesen sich die mangelnde Handlungsrelevanz von Herstelleranleitungen, die Art und Qualität der benutzten Informationsquellen im Vorfeld des Erwerbs eines Kindersitzes sowie der mangelhafte Informations- und Kenntnisstand der Nutzer als zentrale Problembereiche.

Ergänzend wurden vertiefende strukturierte Interviews mit einer Teilstichprobe der im Feld beobachteten Nutzer (n=51) durchgeführt. Sie bestätigen die bereits konstatierten Wissensdefizite, die zu einer Fehleinschätzung der gravierenden Auswirkungen von misuse führen. Zugleich existiert auf Seiten der Nutzer ein Bedürfnis nach qualifizierter Beratung und Information, das aber von den benutzten Informationsquellen vor dem Erwerb eines Kindersitzes nur unzureichend bedient wird. Erneut zeigt sich die fragliche Handlungsrelevanz von Handlungsanleitungen und Piktogrammen. Zu subjektiven Unaufmerksamkeiten sowie bewussten Nachlässigkeiten seitens der Nutzer kommt es sowohl aufgrund situativer Umstände als auch situationsunabhängig.

In vertiefenden Interviews mit ausländischen Eltern türkischer und exjugoslawischer Herkunft (n=66) zeigte sich, dass den Ratschlägen von Verwandten/Bekannten als Informationsquelle vor dem Erwerb eines KSS größeres Gewicht zukommt als bei deutschen Befragten; vorhandene Wissensdefizite werden so reproduziert. Als hinderlich erweisen sich zusätzlich schlechte Deutschkenntnisse, die mit einer mangelhaften Nutzung von Fachberatung, deutschsprachigen Medien sowie Herstelleranleitungen und Piktogrammen einhergehen. Häufig wird daher bei Problemen mit Einbau oder Sicherung von KSS auf Strategien von „Versuch und Irrtum” und/oder auf den Rat von Verwandten und Bekannten zurückgegriffen. Schließlich werden in dieser Teilgruppe fehlerhafte Sicherungen bis hin zum vollständigen Unterlassen der Sicherung häufiger in Kauf genommen; Ursachen dafür sind fehlende/unpassende KSS, falsch verstandene Fürsorge für das Kind sowie situative Umstände.

Auf Basis der Untersuchungsergebnisse werden in der misuse-Taxonomie als ein zentrales Projektergebnis die erfassten Sicherungsfehler — unterschieden nach KSS-Arten — nach ihren Ursachen klassifiziert. Weiter werden Folgerungen für die Entwicklung problem- und zielgruppenorientierter Aufklärungsmaßnahmen sowie geeigneter Anspracheformen gezogen. Abschließend werden Empfehlungen zur Verbesserung der Kindersicherheit im Pkw hinsichtlich der misuse-Problematik gegeben. Die Empfehlungen richten sich an KSS- und Fahrzeughersteller, Gesetzgeber und Exekutive, Akteure der Verkehrssicherheitsarbeit sowie an die Forschung.

Misuse of child restraint systems in cars

Important advances have been made on children's transport safety in the last years (e.g. easier and more comfortable usage of child restraint systems (CRS), higher security standards of CRS, homogeneous European rules Iike ECE-R44). Further-more, the compulsory use of safety seats since 1993 has considerably increased the rate of children secured by CRS or by seat belts. At the same time, however, a great number of CRS (about 60%) has been persistently misused. Misuse impairs the protective capability of CRS and therefore can drastically reduce their protective performance. In order to deepen the understanding of the misuse problem the objective of this project was to develop a taxonomy of misuse-causes and misuse-prone circumstances based both on observations and inquiries in traffic reality and on structured Interviews with users of CRS.

For collecting data field observations were conducted followed by inquiries. In order to completely cover all relevant aspects of misuse both data on the frequency, severity, types of misuse and the underlying knowledge, attitudes and skills of the users were recorded.

Results of the field observations (n = 350 children) prove with 64,7% incorrectly used seats a similar rate of misuse as recorded in previous studies. 31,2% of all misuse causing errors happen when CRS are installed/fitted into the cars, and 68,8% of these errors take place when children are secured in their seats. Systems where fitting/installing and securing are one action (this applies mainly for booster cushions and booster seats, respectively) were less susceptible to misuse than systems where two separate actions are required. The most frequent types of misuse were loosely anchored CRS, loose straps, incorrect belt routing, and belt routing crossing the neck. A subgroup which revealed special problems in correctly handling CRS were foreign parents living in Germany. Interviews with 161 adults who incorrectly used security seats indicate three major problems: instructions and manuals have little or no influence on the usage of CRS, the kind and quality of information the users get before buying a CRS is often inadequate, and finally, deficiencies of knowledge and information on part of the users.

A smaller sample of subjects (n = 51) was used to conduct in-depth Interviews. The results confirm the information deficiencies of the users stated above, which bring about the false assessment of the (fatal) consequences of misuse. On the other hand user needs aim at qualified information, which is not adequately satisfied by the purchase sources given. Apart from both the lack of relevant information provided e.g. by incomprehensible manuals or pictograms, and the defective action relevance of instructions motivational issues such as wrong understanding of paying regard to children's needs (e.g. by giving slacks), situational circumstances such as time-pressure and carelessness are main causes of misuse.

A sample of Turkish and ex-Yugoslavian parents (n = 66) were submitted to in-depth Interviews, too. Results indicate a much bigger influence of the familiar background as far as purchase and use of CRS are concerned than can be observed in Germans. Thus, already existing information deficiencies are constistently reproduced. A further obstructive factor is unproficiency of the German language which comes along with poor use of qualified information, of German media and of pictograms and manuals. Problems with installation and application of CRS therefore are often solved both by strategies of "trial and error" and by asking friends and relatives. This sample is also more prone to omit securing of children at all. Main causes for wrong or omitted securing are: usage of inadequate CRS, wrong understanding of paying regard to children's needs (e.g. by giving slacks) and situational circumstances such as short trips and intended mistakes/carelessness.

One of the crucial topics of this project is a taxonomy of misuse-causes and misuse-prone circumstances: In a comprehensive view on all the results of the empirical surveys this taxonomy is structured according to misuse modes and their causes for all relevant types of CRS. Moreover, conclusions are drawn of how to implement effective information measures which are based on adequate and target group related address forms. Finally recommendations for the improvement of child safety in cars are developed; they are addressed to car and CRS-manufacturers, authorities, traffic safety councils and research.

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