Anprallversuche an motorradfahrerfreundlichen Schutzeinrichtungen
Bei der Gestaltung von Stahlschutzplanken gibt es ein Kompatibilitätsproblem: Die Erhöhung der Sicherheit für Motorradfahrer bedeutete bislang zugleich eine Einschränkung der Sicherheit von Pkw-lnsassen. Um dieses Dilemma zu lösen, wurden unter der Leitung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) neue Nachrüstkomponenten für Stahlschutzplanken entwickelt. Der Schwerpunkt dabei lag auf einer Senkung der Verletzungsschwere für Motorradfahrer.
Aufbau ESP-Motorrad auf dem Testgelände (Bild: Holger Klostermeier, BASt)
Problem
Stahlschutzplanken sollen das Abweichen von Fahrzeugen von der Fahrbahn verhindern. Für Motorradfahrer können sie jedoch durch rutschenden Anprall an freiliegende Schutzplankenpfosten ein zusätzliches Verletzungsrisiko bergen. Frühere Versuche einer Umgestaltung der in Deutschland gebräuchlichen Stahlschutzplanken mit dem Ziel einer Verringerung des Verletzungsrisikos für Motorradfahrer führten zu Einschränkungen der Sicherheit von Pkw-lnsassen. Unter Federführung der BASt wurden deshalb neue, motorradfahrerfreundliche Nachrüstkomponenten für Stahlschutzplanken entwickelt. Im Projekt war deren Sicherheit für Pkw-lnsassen in Anprallprüfungen (Crashtests) zu untersuchen.
Untersuchungsmethode
Ziel des Projektes war es, zur Senkung des Verletzungsrisikos für Motorradfahrer Zusatzkomponenten für die Standardstahlschutzplanken „Einfache Schutzplanke“ (ESP) und „Einfache Distanzschutzplanke“ (EDSP) hinsichtlich ihrer Eignung bei Unfällen mit abkommenden Pkw zu entwickeln, zu untersuchen und ihre Eignung nach Möglichkeit zu optimieren. Zu diesem Zweck wurden fünf Anprallprüfungen mit Pkw durchgeführt. Ausgangspunkt des Projektes waren die neu entwickelten Zusatzkomponenten „EuskirchenPlus“, bestehend aus einem Unterfahrschutz für den rutschenden Anprall und einen Oberzug für aufrecht anprallende Motorräder. Die Anprallprüfungen zeigten, dass die Leistungsfähigkeit der Schutzeinrichtungen durch die Zusatzkomponenten Euskirchen Plus zu stark beeinträchtigt wurden und eine Weiterentwicklung der Zusatzkomponenten erforderlich ist.Bei der Weiterentwicklung zur ESP beziehungsweise EDSP-Motorrad wurden sowohl der Unterfahrschutz als auch der Oberzug verbessert.
Ergebnisse
Bei der ESP-Motorrad konnte eine vollständige Kompatibilität zwischen dem Schutz von Pkw-lnsassen und dem Schutz von Motorradfahrern nicht erreicht werden. Angesichts des im Vergleich zum Motorradfahrer geringeren Risikos von Pkw-lnsassen bei einem Anprall an eine Schutzplanke ist der Einsatz der Schutzeinrichtung ESP-Motorrad auf Strecken mit stärkerem Motorradverkehr oder gar mit erhöhtem Unfallgeschehen mit Motorradfahrern sinnvoll. Darüber hinaus wird auch der Einsatz der ESP-Motorrad auf Strecken mit typischen Fahrgeschwindigkeiten von Pkw unter 70 km/h auch bei geringem Motorradverkehr befürwortet. Andererseits sollte ein Einsatz auf Strecken mit typischerweise hohen Geschwindigkeiten und geringer Relevanz bei Motorradunfällen (beispielsweise Autobahnen) unterbleiben, da das Risiko für Pkw-lnsassen mit wachsender Geschwindigkeit zunimmt. Bei hohen Pkw-Geschwindigkeiten und Unfallauffälligkeiten mit Motorrädern empfiehlt sich eine Umrüstung von der ESP auf eine EDSP-Motorrad. Im Fall der EDSP ist die Herstellung der Kompatibilität zwischen dem Schutz von Pkw-lnsassen und dem Schutz von Motorradfahrern erreicht worden. Allerdings steht der Nachweis noch aus, dass die Rückhaltefähigkeit der EDSP durch die Umrüstung auf die EDSP-Motorrad nicht verringert wird. Auf Strecken mit geringem Motorradverkehr oder mit geringer Relevanz für das Unfallgeschehen mit Motorrädern sollte daher auf eine Umrüstung verzichtet werden, wenn die EDSP dem Schutz Dritter dient (beispielsweise im Mittelstreifen von Autobahnen). Treten die Sicherheit für Motorradfahrer und Durchbruchsicherheit in Konflikt, ist nach dem derzeitigen Kenntnisstand eine Umrüstung auf die EDSP-Motorrad vertretbar, sofern keine Gefährdungsstufe 1 im Sinne der RPS (2009) vorliegt.
Folgerungen
Mit den Schutzeinrichtungen „ESP-Motorrad“ und „EDSP-Motorrad“ lässt sich das Verletzungsrisiko durch Stahlschutzplanken für Motorradfahrer auf Strecken mit hohem Motorradverkehr und/oder hoher Unfallauffälligkeiten mit Motorradfahrerbeteiligung wirkungsvoll senken. ESP und EDSP sollten dagegen auf Strecken ohne relevanten Motorradverkehr oder Unfallauffälligkeiten mit Motorradfahrerbeteiligung entsprechend den gängigen Regelwerken eingesetzt werden.
Impact tests with motorcycle-friendly protective devices
A compatibility problem arises when the protective steel planks, which are commonly used in Germany, are redesigned to reduce the risk of injury to motorcycle drivers: The increased safety for the motorcycle drivers is traded against reduced safety for car passengers. New retrofitting components for protective steel planks were developed under the guidance of the Federal Roads Research Laboratory to solve this compatibility problem. The focus was on reducing the severity of injuries to motorcycle drivers. This project was performed to investigate in crash tests whether the „EuskirchenPlus“ retrofitting component is suitable for car passengers. This was initially not the case. The retrofitting components were therefore improved to create new designs („ESP-Motorrad“ and „EDSP-Motorrad“). „ESP-Motorrad“ was validated with success. The suitability of „EDSP-Motorrad“ was derived from the research results available and the experience of the Federal Highway Research Institute. The compatibility problem was not completely solved, but it was sufficiently reduced so that no more usage limitations must be maintained. „ESP-Motorrad“ and „EDSP-Motorrad“ are in principle suitable to replace the traditional ESP and EDSP protective steel planks on nearly all routes that are relevant with regard to motorcycle accidents.
Forschung kompakt als Download: 13/2010
