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Fahreignungsbeurteilung neurologischer Patienten

Hirnschäden nach einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma oder anderen neurologischen Erkrankungen können sich negativ auf das Fahrverhalten auswirken. Am Beispiel von Patienten mit einer hepatischen Enzephalopathie (HE) wurde der Einfluss neuropsychologischer Funktionsstörungen auf die Fahreignung untersucht. Aus den empirisch ermittelten Daten wurden Empfehlungen für eine Fahreignungsprüfung von Patienten mit neuropsychologischen Leistungsdefiziten abgeleitet.

Das Foto zeigt einen Fahrtest mit automatisierter ReaktionszeitmessungAutomatisierte Reaktionszeitmessung

Problem

Neurologische Erkrankungen können zu Leistungseinbußen führen, die sich negativ auf das Fahrverhalten auswirken. Insbesondere gilt das für Veränderungen der Wahrnehmung, der Informationsverarbeitung, der Motorik und der Persönlichkeit. Trotz der Verfügbarkeit einer Vielzahl von Tests herrscht in der Beurteilung der Fahreignung von Patienten mit neuropsychologischen Leistungsstörungen eine erhebliche Unsicherheit. Von den Ergebnissen der vorliegenden Untersuchung werden neben testdiagnostischen Empfehlungen auch Empfehlungen zur Beurteilung der Fahreignung von Patienten mit einer hepatischen Encephalopathie abgeleitet. Diese Patientengruppe wurde für die Untersuchung ausgewählt, da diese im frühen Krankheitsstadium die für viele neurologische Erkrankungen typischen Leistungsausfälle zeigen.

Untersuchungsmethodik

Insgesamt 109 Probanden, davon 48 gesunde Vergleichspersonen, führten im Zeitraum von Mai 2003 bis Juni 2005 Testfahrten auf einem abgegrenzten Gelände mit standardisierten Fahraufgaben durch. Eine zentrale Fragestellung war, ab welchem Grad der Erkrankung eine Fahreignung nicht mehr gegeben ist. Hierzu wurden sie auch an einer computerpsychometrischen Testbatterie untersucht, die in der Praxis zur Fahreignungsprüfung herangezogen wird. Weiterhin wurde untersucht, ob die eingesetzten Verfahren in ihren Ergebnissen zur Fahreignungsbeurteilung übereinstimmen. Mit Hilfe eines Fragebogens wurden biografische und fahrbiografische Daten erhoben, die auch eine Fahrselbsteinschätzung der Probanden beinhalteten.

Ergebnisse

Ab dem Stadium der minimalen HE-Erkrankung neigen die Patienten zu einer drastischen Leistungsüberschätzung ihres Fahrvermögens, wobei sie die schlechtesten Ergebnisse in der Realfahrt erreichten. Sowohl die verkehrssicherheitsrelevanten Leistungen in den Fahraufgaben als auch das Eignungsurteil des Fahrlehrers zeigt einen deutlichen Leistungsabfall im Fahrvermögen im Vergleich zu den klinisch unauffällig HE-Erkrankten. Der Anteil der klinisch unauffälligen HE-Patienten, die sowohl durch den Fahrlehrer als auch aufgrund der Ergebnisse der Computerpsychometrie als ungeeignet klassifiziert wurden, ist sehr gering. Zudem verfügen sie über eine äußerst kritische Selbstbeurteilung ihres Fahrvermögens. Somit sollte zumindest ab dem Stadium einer minimalen HE eine Fahreignungsprüfung durchgeführt werden. In Bezug auf die Zuverlässigkeit von Testverfahren zeigte sich, dass das computerpsychometrische Testverfahren nicht sensitiv genug war, um die Mangelleistungen von Patienten mit minimaler HE zu erfassen.

Folgerungen

Es ist anzunehmen, dass eine Realfahrprobe auch bei anderen neurologischen Erkrankungen Mangelleistungen sensitiver erfassen kann. Daher sollte sie in Zweifelsfällen computerpsychometrischer Testung vorgezogen werden.

Ab dem Stadium der minimalen HE ist eine adäquate Selbsteinschätzung für das eigene Fahrvermögen - eine wesentliche Voraussetzung für kompensatorisches Fahrverhalten - nicht mehr gegeben. Patienten, die in der Lage sind ihr Fahrvermögen einzuschätzen wie die Gruppe der klinisch unauffällig HE-Erkrankten können auf kleinere Leistungseinbußen, etwa bei Überbeanspruchung während längerer oder anstrengender Fahrten, mit angepasstem, verkehrssicherem Verhalten angemessen reagieren. Bei zweifelhaftem Fahreignungsurteil und einer unzureichenden Selbsteinschätzung sollte der Klient als ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeuges eingestuft werden.

Driving ability of neurological patients

Psychometric test methods or a driving test with an accompanying driving instructor are often not sufficient to predict the inappropriate behaviour of patients with neurological diseases in road traffic. The aim of the current investigation was to identify criteria concerning neuropsychological dysfunctions for a real driving test by performing test drives on a separated test range and comparing the actual driving performance with the results of a computerized, psychometric test battery. Patients with hepatic encephalopathy were selected as test persons, as they show many of the dysfunctions that are typical for neurological diseases in the early stages of their illness. Test-diagnostic recommendations as well as recommendations for evaluating the driving ability of patients with hepatic encephalopathy were derived. Beginning with the state of minimal hepatic encephalopathy patients tend to overestimate their driving ability and obtained the worst results in real driving. As computerized testing was not sensitive enough to detect performance deficits in this stage of disease, driving ability should be tested in real driving. If driving ability is in doubt and self assessment is insufficient, the client should be considered as unsuitable to conduct a motor vehicle.

BASt-Info als Download: 03/2009

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